Allzu oft ist es die Angst, die Betroffene einer Eßstörung davon abhält bestimmte Verhaltensweisen zu verändern, die sie sich eigentlich so sehr wünschen würden und die auch so nötig wären.

Besonders intensiv dachte ich gerade vor zweieinhalb Wochen, in Bezug auf mich, darüber nach. Als ich in den drei Flugzeugen saß, die mich aus der Schweiz nach Chile brachten. Nicht Einmal kam die altbekannte, panische Angst hoch oder wie früher lähmende Gedanken, die mich zu einem Häufchen Elend werden ließen. Die Angst scheint weit weg zu sein und ich bin wieder einmal dankbar für die Plastizität (Veränderbarkeit) des Gehirns.

Ich hoffe mein Beitrag ermutigt dich dazu aus deiner Komfortzone zu treten – in der Genesung der Eßstörung und auch in anderen Bereichen deines Lebens. Ich wünsche mir auch, daß du die Angst in einer neuen Weise siehst und dir dies hilft, sie zu überwinden.

Ich möchte in diesem Blogbeitrag ein persönliches Erlebnis mit dir teilen, in Bezug auf die Überwindung der Angst. Diese Erfahrung bezieht sich nicht auf meine vergangene Eßstörung, aber sie hat dennoch eine Bedeutung für die Recovery einer Eßstörung.

Seit vielen Jahren leide ich unter Flugangst. Ich bin zwar all die Jahre immer wieder geflogen (was vielleicht zweimal im Jahr bedeutete), jedoch nur unter starken Beruhigungsmitteln. Auch mit diesen Beruhigungsmitteln erlebte ich zum Teil panische Gefühlszustände. Wenn es irgendwie ging, zog ich die um einiges umständlichere und viel längere Zugfahrt vor. Zurückblickend könnte es gut möglich sein, daß ein sehr unangenehmer Flug von Ägypten zurück in die Schweiz der Auslöser für meine Flugangst war. Aber was auch immer der Auslöser für diese Angst war, ich wollte nicht mehr, daß diese Angst mich in meiner Reisebegeisterung einschränkte. Jetzt nicht und auch in der Zukunft nicht.

Ich weiß sehr wohl, daß das Fliegen eine irrationale Angst ist. Das Flugzeug ist ein sehr sicheres Fortbewegungsmittel. Auch wenn zweifellos eine minimale echte Gefahr besteht. Die meisten Menschen fliegen jedoch ohne oder mit einer minimalen Angst, genauso wie die große Mehrheit der Menschen ohne Angst ißt.

In meinem Gehirn hatte sich temporär die Angst mit dem Fliegen verkoppelt. Wenn es dir wie mir in der Vergangenheit ergeht, dann hast du sehr wahrscheinlich Angst rund um das Thema Essen oder auch Angst, die schädlichen Essgewohnheiten los zu lassen. Es ist sehr gut möglich, daß sich bei dir die Angst damit verkoppelt hat, bestimmte Lebensmittel zu essen, auf eine bestimmte Art zu essen oder mit dem Vorhaben gegen die Eßstörung anzukämpfen.

In dem Buch Brain over Binge https://brainoverbinge.com erklärt die Autorin Kathryn Hansen, daß Binge Eating für gewöhnlich nicht Linear ist, mit dem was du wirklich möchtest, wenn du rational denkst. Und das restriktive Essverhalten scheint das zu sein, was du wirklich möchtest.

Als ich mit der Flugangst zu kämpfen hatte, fühlte sich das Meiden des Fliegens so an, als wäre es das, was ich wirklich wollte. Meine Angst hatte mich eingeschränkt und immer wieder auch viel Zeit und Nerven gekostet. Dennoch hatte ich keine große Motivation diese Angst anzugehen und ich akzeptierte schliesslich diese Gegebenheit einfach. Jedes Mal, wenn ich das Fliegen umging oder mich der Angst während des Fliegens hingab, verstärkte ich dieses Muster, bis es zu einer Gewohnheit wurde.

Seit etwas mehr als einem Jahr führe ich eine Fernbeziehung. Wollte ich diese Beziehung nicht aufgeben, mußte ich mich damit abfinden, daß häufiges Fliegen, zumindest für eine bestimmte Zeit, zu meinem Leben dazugehört. Dies wollte ich und zwar ohne daß mir meine Angst dabei im Weg steht.

Ich spürte zum ersten Mal das Bedürfnis an meiner lähmenden Angst vor dem Fliegen etwas zu ändern. Dies war auch der Zeitpunkt, als ich realisierte, daß das Meiden oder betäuben (Beruhigungsmittel) meiner Angst zu einer Gewohnheit geworden ist. Und das was ich glaubte zu wollen (das Meiden des Fliegens oder starke Beruhigungsmittel) nicht mehr länger linear waren mit meinen wirklichen Zielen, Wünschen und Vorstellungen.

Ich realisierte, daß all die Gedanken, die ich mir selbst erzählte, um das Fliegen zu umgehen oder starke Beruhigungsmittel zu nehmen, inzwischen tief verwurzelt und automatisch waren. Genauso wie es in der Vergangenheit mit meinem Drang war mich beim Essen einzuschränken oder dem Drang zu bingen.

Aus eigener Erfahrung – das einschränkende Essverhalten und das Binge Eating beendet zu haben – wußte ich, daß die gewohnten Glaubenssätze und Gefühle mich entmutigen, mich meiner Flugangst zu stellen. Diese würden nicht einfach stoppen, nur weil ich nun öfters fliegen wollte.

Genau gleich wie mit dem Drang zu hungern oder zu bingen, wußte ich, diese Gedanken und Gefühle würden nur verschwinden, wenn ich damit aufhöre ihnen zu glauben und stoppe nach ihnen zu handeln.

Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, herauszufinden von wo meine Flugangst stammte oder was ich in meinem Leben verändern könnte, um besser mit dieser Angst umgehen zu können. Ich wußte, was die Angst verschwinden lassen würde: Ganz simpel das Fliegen nicht länger zu meiden und mich meiner Angst zu stellen. Jedes Mal aufs Neue.

Die ersten Male, als ich in das Flugzeug stieg ohne die gewohnte Dosis Beruhigungsmittel, fühlte ich mich extrem ängstlich. Aber ich wußte, ich konnte trotz aufsteigender Angst, meine Motorik (Bewegungen) und meine Atmung kontrollieren. Ich konnte mich fest darauf konzentrieren wie ich Schritt für Schritt voranschreite und dabei den festen Untergrund unter meinen Füssen spüre. Ich konnte mich beschäftigen und mich dabei voll und ganz auf meine Motorik konzentrieren, wie ich zum Beispiel Seiten in einem Magazin umblättere und/oder ganz tief in meinen Bauch ein- und ausatme.

Mir ist durchaus bewußt, daß es Menschen gibt, die Phobien haben und eine viel größere Panik erfahren. Die vielleicht die Erfahrung machen, keine Kontrolle über ihre Motorik zu haben. Ich sage also nicht, daß jeder ohne professionelle Hilfe mit seiner Angst lernen kann umzugehen. Aber ich glaube fest daran, daß es möglich ist, die eigenen Ängste mit der Zeit umzuprogrammieren – mit konstanter Übung und Unterstützung wenn nötig.

Jedes Mal, wenn ich im Flugzeug saß und übte mit meiner Angst umzugehen, erinnerte ich mich daran, daß meine Angstgefühle automatisch geworden sind. Ich versuchte mich von ihnen zu trennen und fokussierte mich auf meine Motorik und meine Atmung. Die Angst ließ sogar schneller nach, als ich erwartet hätte. Ich forderte mich weiter heraus, indem ich nach und nach meine Beruhigungsmittel reduzierte. Des weiteren konzentrierte ich mich aktiv darauf, meinen inneren Zustand zu ändern. Lies dazu meinen letzten Blogbeitrag.

Inzwischen fliege ich oft und dies ganz ohne Beruhigungsmittel. Sogar mit Turbulenzen kann ich inzwischen ganz gut umgehen, auch wenn ich froh bin, wenn das Flugzeug ohne großes Schütteln unterwegs ist.

Wenn es um die Eßstörung geht, ist es sehr oft so, daß sich der Angst zu stellen, das restriktive Essverhalten aufzugeben, die größte Herausforderung ist. Auch wenn du zum Beispiel von der Bulimie betroffen bist – wie ich es war – und die Essanfälle das grösste Problem zu sein scheinen. Du willst vielleicht Gewicht verlieren oder ein niedriges Gewicht halten und daher fürchtest du bestimmte Lebensmittel und eine normale Menge zu essen. Um die Angst zu vermeiden, die die Eßstörung (und die Gedanken, durch das normalen essen, zu zunehmen) verursacht, kannst du versuchen eine einschränkende Ernährungsweise zu praktizieren. Diese wird jedoch zu einer Gewohnheit werden und todsicher zu Essanfällen und weiteren Symptomen einer Eßstörung führen.

Wenn du es gewohnt bist, dich selbst einzuschränken, kann es unter Umständen Angst bereiten eine normale Portionsgrösse zu essen. Egal aus welchen Gründen du mit einer einschränkenden Essweise begonnen hast, das Diät halten ist zu deiner Gewohnheit geworden und „normales essen“ ist nun mit Angst verknüpft. Daher umgehst du ausreichendes essen, um die Angst machenden Gedanken und Gefühle zu vermeiden. Dies immer wieder tun, hält den Teufelskreis jedoch aufrecht und verstärkt die schädliche Gewohnheit.

Die Annahme ist gängig, daß Personen, die strikt Diät halten eine hohe Selbstkontrolle haben. Der Fehler in dieser Logik ist jedoch folgender: Was für einen Außenstehenden nach Selbstkontrolle aussieht, ist weit davon entfernt. Für Betroffene benötigt es viel mehr Selbstkontrolle trotz der Angst, normal zu essen, anstatt sich einzuschränken. Wenn das restriktive Essverhalten einmal zur Gewohnheit wurde und Angst mit ausreichendem essen verkoppelt ist, dann ist das Meiden des Essens genau so automatisch wie mein Meiden des Fliegens. Anorexie-Betroffene fühlen sich auch in der gleichen Weise automatisch zu einem restriktivem Essverhalten angetrieben, wie sich ein Binge Eater dem Drang für einen Binge ausgesetzt fühlt. Ihre Restriktion ist in meinen Augen kein Zeichen von Selbstkontrolle.

Wenn du realisierst, daß du ausreichend essen mußt, um beispielsweise die Gewohnheit des Essanfalls zu unterbrechen und um generell Freiheit und Gesundheit zurück zu erlangen, brauchst du den Willen und die Motivation dies umzusetzen. Motivation alleine ließ jedoch meine Flugangst (und die damit verbundene Gewohnheit das Fliegen zu meiden und Beruhigungsmittel zu nehmen) nicht einfach so verschwinden. Mit der Eßstörung ist es gleich. Du mußt ins Tun kommen und deine aktuellen Verhaltensweisen und Essgewohnheiten ändern. Du mußt ausreichend essen trotz der Angst, die du rund ums essen erlebst. Du mußt wissen, daß du im Stande bist deine Motorik zu kontrollieren, um tatsächlich zu essen. Und du mußt wissen, daß du jederzeit Herr über deine Gedanken bist. Die Stärkste Waffe gegen die Eßstörung ist Mut, um regelmäßig deine Komfortzone zu verlassen und Logik, um die manipulativen Gedanken der Eßstörung zu widerlegen. Ich weiß dies erfordert zunächst eine Menge Mut aber es ist es so was von Wert! Je mehr du diesen Akt des „normalen essens“ wiederholst, desto normaler wird diese neue Verhaltensweise, bis das Verlangen dich einzuschränken irgendwann von ganz alleine verschwindet. Und „normales essen“ zu deiner neuen Gewohnheit wird und du dich irgendwann selbst fragst, wie du je so ängstlich sein konntest das schädliche Verhalten gehen zu lassen.

Die Entkoppelung zwischen der Angst und dem neuen, gesunden Verhalten beansprucht Zeit und Übung. Es ist gut möglich – auch wenn du stetig übst, deine Komfortzone verläßt und es gut läuft – daß die Angst dich wieder erfaßt. Aber wenn du dich in diesem Moment wieder daran erinnerst, daß du jederzeit fähig bist, Kontrolle über deine Motorik zu haben und dich auf diese fokussierst, kann dies unglaublich dabei helfen die Verhaltensweise auszuüben, die dich weiter in Richtung Recovery gehen läßt. Ungeachtet welche Nachrichten du von deinem primitiven Gehirn (mehr dazu in meiner Info-Broschüre https://hilfe-bulimie.ch ) erhältst.

Vielleicht mag dies alles zu simpel für dich klingen. Aber glaube mir, wenn du dich auf das fokussierst, was du kontrollieren kannst, anstatt auf die Angst, dann wird es machbar. Dies ist übrigens auch das, was Spitzenathleten, wenn sie ihre Leistung abrufen müssen und einen immens hohen Erfolgsdruck verspüren, tun: Sie fokussieren sich auf jede kleinste Bewegung, anstatt auf ihre Angst.

Menschen haben weitaus größere Ängste überwunden als das Fliegen und das ausreichende essen wieder zu erlernen. Ich finde es ist wichtig sich daran zu erinnern, daß jeder Mensch Angst erfährt. Damit möchte ich dir sagen, daß es okay ist, Angst zu haben, aber die Angst darf dich nicht daran hindern, weiter in deiner Recovery voran zu schreiten.

Wenn du deine schädlichen Verhaltensweisen ändern möchtest, kann es sehr hilfreich sein, jemanden als Unterstützung an deiner Seite zu haben. Ich könnte diese Stütze für dich sein. Lass dich von mir in die Genesung begleiten. Infos zur Genesungsbegleitung findest du hier.

Alles Liebe, Jasmin

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